You are now visiting Wellspect global website. To view the North American website please click here click here

X

Sexualität nach einer Verletzung oder Krankheit – Interview mit der Sexualtherapeutin Dorthe Forsell

Nach einer die Körperfunktionen einschränkenden Verletzung oder Krankheit steht Ihr Sexualleben möglicherweise vor neuen Herausforderungen. Es braucht Zeit, sich an den veränderten Körper zu gewöhnen. Der Sexualtrieb geht jedoch nicht verloren. Er ist da – wie bei allen anderen Menschen auch.

Dorthe Forsell arbeitet in der neurologischen Abteilung des Universitätskrankenhauses Sahlgrenska in Schweden als Sexualtherapeutin. Sie trifft viele Patienten, die etwas dafür tun möchten, wieder ein aktives Sexualleben zu haben.

„Den Sensibilitätsverlust im Unterkörper zu akzeptieren, ist hart“, erklärt sie. „Man muss sich mit seinem Körper und den neuen Diagnosen befassen und die Möglichkeiten nutzen, die einem bleiben. Ein erfülltes Sexualleben ist möglich – es ist nur anders als vorher.“

sex after injury full width

Sexualität neu erleben

Während Ihr Körper nach einem Unfall oder nach Krankheit so weit wie möglich wiederhergestellt wird, sollten Ihre Perspektiven und Ihr Sexualleben entsprechend ausgerichtet werden. Um sich selbst wiederzufinden, müssen Sie Selbstwertgefühl (wer bin ich), Selbstvertrauen (was kann ich tun) und eine sexuelle Identität (wozu wurde ich geboren und welche Erfahrungen bringe ich mit) aufbauen.

„Erwarten Sie jedoch nicht, dass Ihr Sexualleben wie zuvor ist“, sagt Dorthe Forsell und fügt hinzu: „Es kann mehrere Jahre dauern, bis Ihr Sexualleben neu belebt ist, doch geben Sie niemals auf.“

Einstellung

Sich unattraktiv finden, antriebslos los und ein allgemeines Gefühl der Unzulänglichkeit – all dies sind wirksame Stimmungskiller. Die innere Einstellung ist häufig das größte Hindernis.

„Verschieben Sie Ihre Grenzen“, ermuntert Dorthe Forsell. „Suchen Sie aktiv nach Ihrer neuen sexuellen Identität. Es ist all die Zeit und Energie wert, die Sie darin investieren.“

Wenn Sie bereits einen Sexualpartner haben, brauchen Sie möglicherweise weniger Zeit, Ihr Sexualleben wieder aufzunehmen. Manche Menschen wechseln den Partner, um eine neue sexuelle Identität zu erzeugen, die auf der veränderten Situation basiert. Dies ist eventuell nötig, insbesondere dann, wenn die Beziehung zuvor nicht gut funktionierte.

Ängste

Die meisten Menschen fürchten, dass Urin oder Stuhl ungewollt abgehen könnten, und fühlen zudem Scham, einen veränderten Körper zu zeigen. Doch es gibt Lösungen für diese Probleme.

Gegen unfreiwilligen Harn- oder Stuhlabgang können Sie etwas tun, allerdings ist er nicht immer vollständig vermeidbar. Beispielsweise können Sie Ihre Blase mit einem Einmalkatheter entleeren. Auch für die Darmentleerung gibt es gute Methoden, z. B. die transanale Irrigation (TAI).

Welche Voraussetzungen gelten?

Eine Reihe von Bedingungen muss erfüllt sein, um Geschlechtsverkehr zu haben. Dazu gehören ein ausreichendes Maß an:
  • Blutversorgung
  • hormonellem Gleichgewicht
  • Nervenversorgung
  • Stimulation
  • Vertrauen, jemandem etwas geben zu können
  • Vertrauen, von jemandem etwas empfangen zu können
  • Vertrauen, sich hingeben zu können

Erwartungshaltung

Sie können sich möglicherweise nicht so bewegen oder so aktiv sein wie zuvor. Die Rollen müssen neu definiert werden.

„Sex ist ein sehr emotionales Thema und mit so vielen Erwartungen verbunden“, klagt Dorthe Forsell. Viele Menschen haben eine Vorstellung davon, wie Sex 'sein sollte'. Es kann schmerzlich sein, nicht mehr zur 'normalen' Gruppe der sexuell aktiven Menschen zu gehören. Sex sollte spontan und wahnsinnig toll sein und das am besten jedes Mal. Aber diese Erwartungshaltung sollte hinterfragt werden – von jedem Menschen.“

Dorthe Forsell veranschaulicht dies am Beispiel zweier Menschen, die bei ihrer ersten Verabredung in ein Restaurant gehen. Sie sehen sich die Speisekarte an und sprechen über die verschiedenen Angebote. Sie hören zu, was der jeweils andere darüber denkt, und entscheiden letztlich, was sie wollen. Wenn es jedoch um Sex geht, sagen wir nicht so offen, was wir mögen und was wir wollen. Stattdessen hoffen wir, dass unser Partner Gedanken lesen kann und unsere Bedürfnisse befriedigt.

In Filmen wird alles romantisch verklärt: Er/sie liebt mich, daher weiß er/sie, wie es so perfekt wie möglich für uns beide sein kann…

„Ich spreche oft mit meinen Patienten über diese Erwartungshaltungen“, sagt Dorthe Forsell. „Die meisten denken darüber nach. Natürlich streben sie das 'perfekte' Szenario an. Aber bei Sex sollte es nicht um Leistung gehen“, gibt sie zu bedenken.

Dorthe Forsells Rat

Diesen Rat gibt Dorthe Forsell Menschen mit einer Verletzung oder Krankheit:
  • Haben Sie den Mut, mit Ihrem Partner über Sex zu sprechen.
  • Informieren Sie sich – im Internet oder durch Beratung.
  • Räumen Sie Ihrer Sexualität den gebührenden Stellenwert ein – denn sie IST wichtig.
Share